sowjetisches Lwiw
Nur durch ein Wunder ist das Stadtzentrum von massivem Umbau verschont geblieben.
Jede neue Macht, die in Lwiw ankam, hat so schnell wie möglich versucht, sich an ihre politischen Umstände anzupassen. Diese Prozesse sind nicht ohne Nachhaltigkeit vonstatten gegangen, sie haben als solche Spuren in Architektur, Gesellschaft und selbst in den Köpfen der Menschen hinterlassen.
Lwiw, wie wir es heute sehen, hat trotz der Erhaltung des alten historischen Ensembles nach dem Zweiten Weltkrieg viele offensichtliche sowjetische Züge gewonnen. Mit den Prozessen der Sowjetisierung des Stadtgefüges von Lwiw haben endlich auch die heutigen Forscher sich zu beschäftigen begonnen, so dass alle an der Geschichte Lwiws Interessierten nicht nur spannende Texte über das mittelalterliche, das adlige österreichische und das bohèmehafte Zwischenkriegs-Lwiw lesen können, sondern auch solche über die schwierigen Nachkriegszeiten. Dieser Abschnitt des Artikels handelt von den gestalterischen sichtbaren Veränderungen, die durch den weit verbreiteten Einsatz ideologischer Skulpturen, spezieller architektonischer Einfügungen und Veränderungen der Ortsnamen der Stadt bewirkt wurde.
Im ersten Moment hat die neue Regierung nicht besonders über die soziale Wahrnehmung von Lwiw nachgedacht. Mehr noch, sie hatte keine genaue Orientierung hinsichtlich der städtischen Etymologie. So hat die September-Nummer der Zeitung „Wilna Ukrajina“ im Jahre 1944 mit dem Aufsatz des Geschichts-Professors M. Petrowskyj unter der Schlagzeile „Bohdan Chmelnyzkyj“ mit dem Foto des Lwiwer Denkmals für den polnischen König Jan Sobieski begonnen, das äußerlich etwas an das Kiewer Denkmal Chmelnyzkyjs erinnert.
Als man etwas mehr mit der Situation vertraut war, wurden einige Prioritäten gesetzt, auf die die sowjetischen Machthaber besondere Aufmerksamkeit richteten. Als erstes: Umbau der Stadt auf der Grundlage des neuen allgemeinen Entwicklungsplans von Lwiw entsprechend anderen sowjetischen Städten; als zweites: vollständiger Austausch der Ortsbezeichnungen der Stadt, also Namen der Stadtteile, Straßen, Hotels, Kinos usw.; als drittes: alle jetzigen Neuerungen mussten deutliche Kennzeichen sowjetischen Stils aufweisen, d.h. die kommunistischen Gebäude sollten sich maßgeblich von den Vorgängern unterscheiden.
Alle Veränderungen in der Stadt schützte und kontrollierte die kommunistische Partei. Während einer der ersten Sitzungen des Stadtrates von Lwiw Anfang 1945 skizzierte der dort anwesende erste Sekretär des Lwiwer Gebiets-Komitees der Kommunistischen Partei der Ukraine Iwan Hruschezkyj die Leitlinien für 1945-1946. Innerhalb dieser Zeit sollte Lwiw nicht nur zu einem industriellen, sondern auch zu einem neuen politisch-kulturellen Zentrum umgebaut werden. Mit Rücksicht auf die Anweisung Hruschezkyjs wurde von der städtischen ausführenden Behörde entschieden, die die Eigentümer von Häusern, Läden, und die Hausverwaltungen sofort zu verpflichten, unverzüglich die alten Hinweisschilder, Aushängeschilder, Plakate und Anordnungen zu entfernen – egal, in welcher Sprache sie geschrieben waren – und sie durch neue sowjetische zu ersetzen.
Die anschließende architektonisch-künstlerische Gestaltung der Stadt sollte die Amtsleitung des Chefarchitekten der Stadt kontrollieren, die der ausführenden Verwaltung des Abgeordneten-Ausschusses der Stadt Lwiw zugeordnet war. Die Amtsleitung verteilte auch Bauland, kontrollierte Planungen und den Häuserbau. Zum Chefarchitekten der Stadt ernannte die Regierung den Russen Andrij Nataltschenko, einen Kriegsversehrten, der zuvor in Moskau wirkte. Anfang Oktober 1944 kamen er und sein Vorgänger auf diesem Posten, inzwischen Chefarchitekt von Charkiw, Oleksandr Kasjanow, dessen vorhergehende Leistungen die Grundlage für die Aufstellung eines neuen Generalplans sein sollten, in Lwiw an. Die Einladungen von Nataltschenko und Kasjanow waren eine Art Absichtserklärung der neuen Regierung, bestimmte Prioritäten aufzustellen, um die Stadt in der allgemeingültigen sowjetischen Skala der Werte einzuordnen. Wenn man über die nationale Zusammensetzung der Direktion sprechen soll, so bestand sie zu 90 Prozent aus Russen. Die restlichen zehn Prozent fielen auf Ostukrainer und Juden. Ortsansässige Architekten gab es in der Amtsleitung nicht, wie der Jahresbericht des Chefarchitekten für das Jahr 1946 zeigt.
Man sollte darauf hinweisen, dass ortsansässige Ingenieure ausnahmsweise in anderen Architekturbüros der Stadt arbeiteten. Zum Zeitpunkt der Befreiung Lwiws von den Nazis gab es in der Stadt 62 Architekten, von denen die Mehrzahl in unterschiedlichen kommunalen Organisationen arbeitete, in der Gebietsabteilung für Architektur, im Gebiets-Architektur-Planungs-Büro, in der Werkstatt für Architektur-Modelle. Von ihnen waren 48 Polen, die allmählich nach Polen auswanderten. Zur genannten Zahl der Architekten zählten auch sechs ortsansässige ukrainische darunter die bekannten galizischen Architekten Jewhen Nahirnyj und Mykola Mikula. Den hiesigen Architekten traute man nicht und verbot die Nutzung der örtlichen Bau-Erfahrung , sie waren in Modernismus, Konstruktivismus und andere Sünden verwickelt, die angeblich im Widerspruch mit den Prinzipien der sowjetischen Architektur standen.
Unter Berücksichtigung der vorhandenen Ingenieur-Kapazitäten erließ die Leitung des Lwiwer Stadtrates den Befehl vom 29. September 1944 über die „Wiederherstellung des Zentrums der Stadt Lwiw“. Sie sah für den Übergangszeitraum während der Jahre 1944-1945 – für die Zeit der Ausarbeitung des Generalplans – vor, die architektonische Gestaltung der Innenstadt und der an sie angrenzenden Plätze, Hauptstraßen und Straßen zu ändern. Die ersten Änderungen betrafen Gebäude an der 1. Mai-, Kopernikus-, Kazimier-, Rutowskyj-, Pidwalna-, Akademytschna-, Horodozk- und Schowka-Straße sowie dem Bahnhofs-Boulevard, schließlich der Marynskij-, Akademytschnij-, Krakivskij-, Halyzkij-, Wiltschewskij-Plätze und den Alten Markt. Ihre Fassaden sollten bis zum 1. Januar 1945 nur wiederhergestellt und neu übermalt werden. Ein erheblich schlimmeres Geschick erwartete die Synagoge und die Häuser Nr. 7 und 10 am Theodor-Platz, sie mussten abgetragen werden. Dem Abriss unterlag auch das Gebäude Nr. 29 am Krakauer Platz (nun. Jaroslaw-Osmomysl-Platz), ebenso einige Häuser am Holuchowskij-Platz (jetzt Torhowa-Platz). Viele Häuser plante man in der Boschnytschna-Straße (nun Sjan-Straße) abzureißen, Nr. 1, 16, 22, und in der Sonjatschnij-Straße (jetzt Pantelejmon- Kulisch-Straße), Prus-Platz (jetzt Iwan-Franko-Straße), Owotschewij (gibt es nicht mehr), Schternschus (jetzt Pidmurna-Straße). Die Leute, die hier wohnten, mussten umziehen. Anstelle der alten Häuser sollte ein zentraler städtischer Platz entstehen für die Veranstaltung von „revolutionär-öffentlichen Friedens-Aufmärschen und Paraden von Teilen der Roten Armee“, war im Beschluss vermerkt. Bei den Entscheidungen über die durchzuführenden Arbeiten im Zeitraum vom 15. Februar bis zum 1. Mai 1945 plante man an der Stelle des neuen Platzes elf beschädigte Gebäude mit einer Gesamtfläche von 26.890 Quadratmeter abzutragen. Dabei wareneinige bewohnte Gebäude nicht inbegriffen, die ebenfalls dem Abriss unterlagen. Dem Geist der Kampagne folgend heuerte die Amtsleitung infolge von Zeitdruck Arbeitstrupps von Gas- und Raffineriebetrieben an.
Der nächste Schritt der ausführenden Behörde war, den Chef-Architekten Nataltschenko zu verpflichten, einen Generalplan für den Wiederaufbau der Stadt Lwiw auszuarbeiten. Zu diesem Zweck wurde im Mai 1945 bei der Amtsleitung des Chef-Architekten eine Architektur-Projekt-Werkstatt geschaffen, Lwiwprojekt. Die Hauptaufgabe des neugeschaffenen Organs bestand darin, die Wiederherrichtung und den Neubau von architektonischen Projekten und Kostenrahmen zu begleiten. Gerade die Architekten von Lwiwprojekt wurden die Hauptvollstrecker des Generalplans für Lwiw. Um die Arbeit besser zu koordinieren, richtete Lwiwprojekt im Juni 1945 innerhalb seiner Struktur eine eigene Projektgruppe ein, die ausschließlich an der Aufstellung des Generalplans der Stadt arbeitete. Das Fehlen von Architekten plante man durch „Rekrutierung“ von Spezialisten aus Russland und der Ostukraine zu kompensieren. Einer der ersten Architekten, den man nach Lwiw einlud, war der ideologisch überprüfte und hinreichend erfahrene Dnipropetrowsker Henrich Schwezko-Winjetskj. Ihm übertrug man die Aufgabe, den Generalplan für die Stadt Lwiw auszuarbeiten.
Der Parteilinie folgend betonte G. Schwezko-Winjetskyj das Konzept, dessen Grundlage die Industrialisierung war, und man begann sofort auf dieser Basis Perspektiven für einen Stadtentwicklungsplan auszuarbeiten. Der Zeitrahmen für die Umsetzung des Generalplans wurde auf fünfzehn Jahre festgesetzt. Innerhalb genau dieses Zeitabschnitts wollte man Lwiw umbauen in „eine grandiose sowjetische Stadt“. Für diese Idee war der Ausbau eines riesigen Straßenbauprojekts vorgesehen, das auf der zentralen Straße des 1. Mai – jetzt Prospekt Swobody – basierte. Die Straße sollte erweitert und fortgeführt werden gen Süden bis zum jetzigen Petruschewytsch-Platz, wo man ein Theater für russische Dramen zu bauen plante, und gen Norden über die Eisenbahnlinie – die jetzige Wjatscheslaw-Tschornowol-Straße – bis zur Lypynskyj-Straße.
Nach den Worten des Initiators dieser Umbauten, des Architekten G. Schwezko-Winjetskyjs, sollte dies der große Kern der städtischen Verkehrsverbindungen Lwiws werden. Die Architekten vergaßen auch nicht einen großen Stadtplatz für Paraden und verschiedene festliche Veranstaltungen. Ihrer Idee zufolge/Meinung nach war hierfür das Areal des damaligen Krakauer Marktes hinter dem Operntheater am geeignetsten. Im Generalplan gab es auch ziemlich/ungewöhnliche Entscheidungen. So plante man beispielsweise einen Kanal durch Brjuchowytschi mit Verbindung zu den Flüssen Dnister, Weichsel und Dnipro, um auf diese Weise die wachsenden Bedürfnisse der Lwiwer Industrie für Materialien zu gewährleisten.
Bereits Ende des Jahres 1946 am 22. Oktober wurde die „General-Karte der Stadt Lwiw“ von der ausführenden Behörde des Lwiwer Stadtrates genehmigt, allerdings nicht von der obersten Staatsleitung. Es gab einige Diskussionen des Projekts bei städtischen Architekturkonferenzen, als Ergebnis hiervon bekam sie klarere Umrisse. Wie vorgesehen sollte der Eckstein des künftigen Ausbaus von Lwiw eine auf kleinen und mittleren Maschinenbau ausgerichtete Industrialisierung sein. Hiermit verbunden galt besondere Aufmerksamkeit der Leichtindustrie und der Produktion von Baustoffen. Die Industrialisierung sollte sich in drei Richtungen entwickeln: Nordosten – Samarstyniw-Snesinnja – Südosten und Westen – Horodozka, Ilnyzka, Lewandiwka. Hiermit verbunden sah der allgemeine Architekturplan Lwiws einen gewissen exzentrischen Ausbau gen Süden vor. Laut demografischen Berechnungen war prognostiziert, dass von den 500.000 der künftigen Einwohner Lwiws 76.000 in der Industrie tätig sein würden. Ein wichtiger Faktor des Stadtumbaus sollte der Kanal sein, dessen Bau als Idee nicht aufgegeben wurde, von dem man nur erklärte, man müsse ihn gut berechnen. Ende des Jahres 1951 aber wurde der Generalplan so nicht genehmigt. Das Fehlen eines genehmigten Plans hatte negative Auswirkungen auf die Wiederherstellung und den Weiterbau der Stadt. Außerdem war ein Teil der Abschnitte des Plans deutlich veraltet und benötigte dringende Überarbeitungen. Hiermit verbunden kam es zu Fällen willkürlicher Umplanungen von einigen Bebauungsprojekten.
Parallel zu den Diskussionen über den Generalplan führte die Regierung neue Prinzipien der sowjetischen Gestaltung von Lwiw ein. In vergleichsweise kurzer Zeit sollte die Stadt die Straßennamen ersetzen und die „Rudimente“ der vorhergehenden Epoche wie etwa Denkmäler loswerden. Hiermit sollte sie äußerlich dem sowjetischen Konzept des Städtebaus entsprechen. Im Vergleich mit den oben erwähnten architektonischen Veränderungen waren die Umbenennungen einfach und leicht zu bewerkstelligen, obgleich sich anschließend ihre endgültige Umsetzung über ein Jahrzehnt hinzog.
So kam es, dass es Lwiw erneut dank unbegreiflicher Kräfte gelungen ist, sein altes Antlitz beizubehalten. Einzelnen Erzählungen zufolge stand der Schikane des grandiosen sowjetischen Umbaus der Stadt eben derselbe Architekt Schwezko-Winezkyj vor, der den Generalplan für den Umbau auszuarbeiten hatte. Wenn das Projekt nicht die Zerstörung eines bedeutenden Teils des jüdischen Lwiw vorhergesehen hätte, dann hätte er sich vielleicht nicht an die Kollegen in Moskau gewandt. Dann würden wir die Architektur des Prospekt Swobody, des Schewtschenko-Prospekts, der Saksahanskyj-Straße nur auf alten Fotografien bewundern. Aber so ist es nicht gekommen, und die sowjetische Regierung hat sich irgendwie auf kosmetische Einfügungen und den Bau von Schlafstädten konzentriert. Lwiw hatte erneut Glück.
21. Mai 2015 // Roman Heneha
Quelle: Zaxid.Net
Anmerkende Hinweise des Übersetzers
Institutionell ist die Stadtarchitektur Lwiws Thema
- am Lehrstuhl für Architektur der Polytechnischen Universität Lwiw
- innerhalb der Iwan-Franko-Universität Lwiw, deren Zeitschrift „Visnyk L’vivs’koho Universytetu“ in den letzten Jahren mehrere Themenbände zu Lwiw enthält
- am von Harald Binder gegründeten „Center for Urban History of East Central Europa“ mit großer Fach-Bibliothek in Lemberg, http://www.lvivcenter.org/
Wichtige Publikationen zu Lwiw sind
- die „Encyklopedija L’vova“, L’viv 2007 ff., bislang 4 Bde.
- Jaroslav D. Isaevyč, Istorija L’vova. 3 Bde. L’viv 2006.
- Ihor Mel’nyks Bände der Serie „Lvivs’ki vulyci i kam’janyci“, L’viv 2010 ff.
- weitere ukrainische, polnische und englische Monographien und Aufsatzbände, die sich über das Schlagwort Lemberg / L’viv mit Hilfe des Karlsruher virtuellen Katalogs finden lassen.
- Zeitschriften wie „Bibliotheka Lwowska“, 6 Bde. 1907-1938 = Nachdruck 1989/90, „Crakovia-Leopolis“, Kraków 1995 ff., vgl. http://www.cracovia-leopolis.pl/index.php?pokaz=kwartalniki, den Sonderband XXIV 1-4/2000: „Lviv: A city in the Crosscurrents of Culture“ der „Harvard Ukrainian Studies“.
- Reiseführer wie die alten von Mieczysław Orłowicz, Illustrierter Reiseführer durch Galizien. Wien-Leipzig 1914 = ND Berlin 1989, der neue ukrainisch und polnisch im „Centr Jevropy“ erschienene 1999/2001 Illustrierte Reiseführer Lemberg von Andrij Rudnyc’kyj
- Lexikonartikel in der „Encyclopedia of Ukraine“, „Encyklopedija Istoriï Ukraïny“, im demnächst erscheinenden Band der „Encyklopedia sucasnoï Ukraïny“.



Forumsdiskussionen
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“