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Stepan Bandera, das Faschismuskonzept, das „Weimarer Russland“ und die antiukrainische Propagandakampagne des Kremls

Interview von Leonid Ragosin („Slon“, Moskau-Köln-Kiew) mit Andreas Umland (Kiewer Mohyla-Akademie).

L.R.: Im russisch-ukrainischen Konflikt nennen sich alle gegenseitig Faschisten. Wie soll man das verstehen?

A.U.: „Faschismus“ wird oft einfach als Schimpfwort verwendet. Manchmal verstehen ausgerechnet jene, die dieses Konzept besonders häufig verwenden, am wenigsten dessen Bedeutung. Natürlich gibt es auf beiden Seiten Politiker, deren Äußerungen man tatsächlich auf den Faschismus beziehen kann. Doch sind das nur einzelne Figuren. Der Faschismus ist ein komplizierteres Phänomen als eine unappetitliche Form von Nationalismus. Sein grundsätzlicher Gedanke ist die Neugeburt, Erwachung, Reinigung und Auferstehung der Nation unter radikal antiegalitären Vorzeichen, eine extreme Form von – contra Ernst Nolte – Transzendenz alles vorher Dagewesenen. Keine Restauration, sondern eine allumfassende Palingenese; keine Reaktion, sondern gezielte Aktion. Die faschistische Idee ist sowohl pathologischer als der restaurative Imperialismus Putins, als auch extremer als der radikale ukrainische Befreiungsnationalismus. Weder das eine noch das andere sollte ohne weiteres mit dem Begriff des Faschismus in Verbindung gebracht werden.

L.R.: Putin sagt, dass Neonazis die Macht in Kiew ergriffen haben. Gleichzeitig hört man von Kiewern oft: „Wo, welche Faschisten, wir haben keine gesehen.“ Wo liegt die Wahrheit?

A.U.: In der Ukraine gab und gibt es tatsächlich eine Allianz zwischen Demokraten und Nationalisten. Die so genannte Allukrainische Union „Swoboda“, die 10,44% landesweite Unterstützung bei den Parlamentswahlen 2012 erhielt, bezeichnet sich selbst ausdrücklich als nationalistisch. In ihr gibt es einzelne Vertreter, die sich öffentlich mit Nazismus beschäftigt haben, zum Beispiel der Lemberger Parlamentsabgeordnete Jurij Mychaltschyschyn. Er hat als Politologe ein offen eingestandenes Interesse für das Dritte Reich. Man muss vermuten, dass dies nicht nur wissenschaftlicher Natur ist.

L.R.: Wie zeigt sich das?

A.U.: Er gab z.B. einen Sammelband seiner eigenen Texten sowie derer von Stepan Bandera und Joseph Goebbels heraus. Es wird freilich behauptet, dass dies eine Dokumentensammlung zu Forschungszwecken ist. Man kann das glauben – oder auch nicht.

L.R.: Aber der Maidan bestand nicht nur aus „Swoboda“…

A.U.: Ja, es gab und gibt auf dem Unabhängigkeitsplatz auch klar neonazistische Kleingruppen, bei denen nicht nur Einzelvertreter dem Dritten Reich zugeneigt scheinen. Ein Beispiel ist C14 – eine Gruppe, die Beziehungen zu „Swoboda“ haben soll, was jedoch von „Swoboda“ verneint wird. C14 hat nach eigenen Angaben 200 Mitglieder. Diese 200 zumeist jungen Männer, wie auch die Mitglieder einiger anderer ähnlicher Gruppierungen, kann man offenbar sowohl als Faschisten als auch Neonazis bezeichnen.

L.R.: Und was gibt es über den Rechten Sektor zu sagen?

A.U.: Das ist ein komplizierter Fall, da es sich hier um eine fluktuierende Allianz marginaler Gruppen handelt und unklar ist, wann welche Gruppen dazu gehörten und gehören und wann nicht, welchen Einfluss diese oder jene Varianten von mehr oder minder radikalem Nationalismus auf die Dachorganisation hat. Es gibt zum Beispiel die neofaschistische Gruppe „Bilyj Molot“ (Weißer Hammer), die zuerst Teil des Rechten Sektors war, aber später wieder austrat. Noch im Januar war unklar, ob die alte ukrainische rechtsextreme Organisationen UNA-UNSO (Ukraine Nationale Versammlung – Ukrainische Selbstverteidigung) dazu gehört oder nicht. Das Problem mit dem Rechten Sektor ist, dass er bisher noch gänzlich unerforscht ist. Es gibt eine paar Essays, Interviews und Blogs von Wjatscheslaw Lichatschow (Jerusalem), Anton Schechowzow (London), Tetjana Besruk (Kiew), Alina Poljakowa (Bern) und anderen. Sonst nichts. Wir wissen wenig über ihn und können ihn daher bisher nur schwer einschätzen.

Zum Rechten Sektor gehört zum Beispiel die Zwergorganisation „Trysub im. S. Bandera“, also Dreizack namens Stepan Bandera (der Dreizack ist das offizielle Staatssymbol der Ukraine). Bandera war ein Faschist, zumindest in den späten Dreißigern und Vierzigern, aber ich bin mir nicht sicher, ob man „Trysub“ deshalb bereits ohne weiteres eine faschistische Organisation nennen sollte. Womöglich ist es eher eine national-konservative Gruppe, da ihr Gesellschaftsideal nicht eindeutig ultranationalistisch-palingenetisch zu sein scheint und eher ein Sammelsurium nationalistischer, christlicher, demokratischer und andere Ideen darstellt. Es gibt, wie gesagt, keine Forschung dazu. Auch besteht die Frage: Welchen Einfluss hatte und hat der Rechte Sektor? Zeitweise wurde in den Medien diskutiert, ob der Rechte Sektor – zu seiner politischen Neutralisierung – Teil der neugebildeten Nationalgarde der Ukraine oder eine Unterabteilung des Innenministeriums werden soll, wozu es dann aber nie kam. Den Eindruck, den die russischen Medienberichterstattung vom Euromaidan vermittelte, dass der Rechte Sektor die Leitlinien der Politik der Ukraine mitbestimmen würde, war stets absurd. Nach dem Sieg des Aufstandes gibt es vielmehr zunehmende Konflikte zwischen dem Rechten Sektor und der neugebildeten Regierung, an der auch der Euromaidan beteiligt ist.

L.R.: Aber spielten sie nicht eine entscheidende Rolle bei der Revolution?

A.U.: Nein. Das ist ein Mythos. Sie waren wie etliche andere Gruppen aktiv beteiligt, aber nicht dominant. Es gab eine ganze Reihe von Vereinigungen und Zirkeln, darunter auch rechts- und linksradikale, die am gewaltsamen Widerstand beteiligt waren. Nach verschiedenen Angaben bestand die aus diesen Gruppierungen und vielen Einzelpersonen gebildet so genannte „Selbstverteidigung“ des Maidan, eine mit Schlagstöcken, Schildern, Helmen usw. ausgerüstete Ordnungstruppe, aus einigen Tausend bis zu 30.000 Personen. Beim Rechten Sektor gab es noch im Januar 2014 nur ein paar Hundert Mitglieder. Es sind inzwischen einige Tausend hauptsächlich junge Männer Mitglieder des Rechten Sektors geworden. Das war offenbar nicht zuletzt eine Gegenreaktion der radikalisierten ukrainischen Jugend auf die Dämonisierung des Miniverbandes in den bis vor kurzem in der Ukraine ausstrahlenden russischen Staatsfernsehkanälen (NTV, ORT, RTR).

Während des Aufstandes umfasste der Rechte Sektor offenbar weit weniger als die Hälfte, ja womöglich nur einen Bruchteil des gewaltsamen Widerstands, ganz zu schweigen von der gesamten Protestbewegung. Ein Initiator der ersten Zusammenstöße auf der Hruschewskyj-Straße war z.B. scheinbar der so genannte „Automaidan“, eine Gruppe von Autofahrern, die radikaler als der Hauptteil der Protestbewegung waren. Der Rechte Sektor schloss sich scheinbar dessen gewaltsamem Widerstand dann an. Er war im Februar Dank seiner auffälligen Symbolik und Rhetorik prominenter Teil des Aufstandes und öffentlichen Images des Maidans. Aber er spielte keine entscheidende Rolle für den Verlauf und Ausgang der Revolution. Ich kenne einige Leute, die Reifen und Benzin auf die Barrikaden brachten, aber niemand von ihnen war Teil des Rechten Sektors. Seltsamerweise wird bisher nur bei drei Mitgliedern der „Nebesna Sotnja“ (Himmlische Hundertschaft), also der etwas über 100 Toten der Proteste, vermutet, dass sie Mitglieder des Rechten Sektors waren. Dahingegen waren unter den Getöteten bis zu 20 Mitglieder der rechtsradikalen Partei „Swoboda“, obwohl „Swoboda“, anders als der Rechte Sektor, als Organisation kein offizieller Teil des gewaltsamen Widerstands war. Dies verweist darauf, dass die Rolle des Rechten Sektors selbst bei den Straßenkämpfen relativ gering war. Wir wissen, dass es im gewaltsamen Widerstand verschiedene Gruppen gab – die prowestliche „Spilna Sprawa“ (deutsch: Gemeinsame Sache), der anarchistische „Narodnyj Nabat“ (deutsch: Volkssturmläuten), der Rechte Sektor, die Demokratische Allianz usw. Aber wir wissen bislang nicht, wer welches politische und organisatorische Gewicht hatte. Die russische Propaganda spielt mit dieser Unwissenheit und behauptet, dass diese Fragen bereits geklärt sind.

L.R.: Wenn man nicht nur über die Ultranationalisten spricht, sondern über die Nationalisten insgesamt: Wie stark war der Nationalismus auf dem Euromaidan, und wie vergleichbar hoch war das Streben nach Demokratie und Europa?

A.U.: Für einige Ukrainer gab und gibt es subjektiv keinen zwingenden Widerspruch Nationalismus und EU-Integration, obwohl ein solcher Konflikt objektiv betrachtet wohl existiert. Die europäische Integration bedeutet ja eine Einschränkung nationaler Souveränität und war von Anfang an eine Art antinationalistisches Projekt. Auch muss man zwischen verschiedenen Formen von ukrainischem Nationalismus unterscheiden. Es gibt viele national denkende Ukrainer, die sich teils sogar Nationalisten nennen, in ihrer politischen Praxis jedoch mehr oder minder tolerant und liberal sind. Dann gibt es solche Nationalisten, die man radikal nennen kann. Aber manchmal basiert selbst diese Radikalität nicht auf einer extremistischen Ideologie per se, sondern lediglich in der Bereitschaft, für die ukrainische Unabhängigkeit und territoriale Integrität auch mit der Waffe in der Hand zu kämpfen und zu sterben – eine aus Deutschland gesehen womöglich archaisch wirkende Einstellung, die jedoch in der heutigen Ukraine praktische Relevanz hat. Dieser zwar radikale, aber nichtsdestotrotz emanzipatorische und freiheitliche Nationalismus ist womöglich mit dem vergleichbar, was wir in Deutschland etwa in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts während der Napoleonischen Besatzung und danach hatten. Dies war auch eine teils radikale nationale bzw. nationalistische Bewegung, die sich von dem unterschied, was wir nach den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts mit dem Konstrukt „deutscher Nationalismus“ assoziieren.

L.R.: Also eine Art romantischer Nationalismus?

A.U.: Ja. Problem ist freilich, dass auch solche romantischen oder Befreiungsnationalismen nicht selten ethnozentrische, rassistische und antisemitische Züge tragen (manchmal auch nicht). Es gab und gibt natürlich auch in der Ukraine Vertreter eines klassischen Ultranationalismus – Leute, die über die Reinheit der ukrainischen Nation sprechen und ultrakonservative Werte vertreten: Verbot von Abtreibungen und Homosexualität, Ethnozentrismus, hierarchische Geschlechterrollen, Führerkult, Faschismusapologetik, Manichäismus, Verschwörungstheorien… – das ganze klassische Programm. Aber diese klar extremistische Tendenz ist letztlich nur eine politisch unbedeutende Minderheit, welche sich vor allem in der „Swoboda“-Partei findet. Sie war lange außerparlamentarisch und wurde erst im Zuge der eskalierenden Konfrontation zwischen der prorussischen Fraktion der regierenden Regionenpartei und den oppositionellen Nationaldemokraten 2010-2014 nach oben gespült.

L.R.: Putin verwendete in seiner Krim-Rede das Wort „Benderowzy“. Er meinte natürlich nicht die Bewohner der moldawischen Stadt Bendery, sondern die Anhänger von Stepan Bandera.

A.U.: In der Ukraine gibt es tatsächlich bei großen Teilen der Bevölkerung, vor allem in Galizien und auch unter Intellektuellen, einen Kult um den einstigen Nationalistenführer und Faschisten Bandera. Das ist zwar eine bedauernswerte Pathologie des insbesondere west- und teilweise zentralukrainischen Geschichtsbewusstseins. Annähernd vergleichbare Erscheinungen selektiver Geschichtswahrnehmung und apologetischer Hagiographien gibt jedoch es bei vielen Völkern. Ein Beispiel wäre etwa unser Bild Martin Luthers als Begründer der protestantischen Kirche, für den nicht nur in Deutschland Denkmäler stehen. Wir „vergessen“ ja meist, dass Luther auch ein radikaler Antisemit war. Oder nehmen sie George Washington – ein amerikanisches historisches Idol. Washington war bekanntermaßen ein Sklavenhalter, wird jedoch kaum für diesen Teil seiner Biographie verehrt.

Bandera ist ein noch weit problematischerer Fall als die beiden genannten. Er war Anführer einer Partei, die zumindest Ende der 1930er und Anfang der 1940er eine faschistische Ideologie hatte. Die OUN war die ukrainische Version des Zwischenkriegsfaschismus, wie er damals in den meisten europäischen Ländern existierte.

Trotz dieses eigentlich unakzeptablen Hauptaspekts seiner Biographie gibt es heute verschiedene Formen der Erinnerungen an Bandera. In der West- und Zentralukraine überwiegt die Wahrnehmung, dass Bandera ein Kämpfer für die ukrainische Unabhängigkeit war. In der Süd- und Ostukraine gilt er als Nazikollaborateur und Verräter im Kampf der Sowjetvölker gegen den deutschen Faschismus – Konzipierungen, die nun ihrerseits wiederum nur teilweise zutreffen.

L.R.: Wie stark war dieses Element kontraproduktiv für den Euromaidan und die derzeitigen Machthaber?

A.U.: Auf dem Maidan konnte der Eindruck entstehen, dass der Bandera-Nationalismus dominierte, weil es eine Reihe kleiner, aber hochaktiver Grüppchen gab, die einen entsprechenden visuellen und akustischen Hintergrund schufen. Zum Beispiel befindet sich bis heute neben der Bühne auf dem Maidan ein großes Bandera-Porträt. Am unteren Rand des Bildes ist der Eigentümer des Bildes vermerkt: „Kongress Ukrainischer Nationalisten“. Dies ist eine marginale Organisation, die in landesweiten Meinungsumfragen meist keine Erwähnung findet; sie hat weniger als ein Prozent Unterstützung. Das überdimensionale Bandera-Porträt bestimmt jedoch bis heute das Image des Euromaidans maßgeblich mit. Ich sprach und schrieb bereits mehrfach darüber, dass die Banderaideologie und -symbolik schlecht für den Euromaidan, ja in gewisser Hinsicht antipatriotisch ist, weil sie die politische Nation der Ukraine spaltet.

Die derzeitige Vertretung von „Swoboda“ in der ukrainischen Exekutive ist Teil des gleichen Problems. Die drei bzw. inzwischen zwei Minister, ein Vizepremierminister und der Generalstaatsanwalt sind überflüssig oder zumindest zu viel für die heutige Regierung bestehend aus 20 Ministern. Russland wird darauf herumreiten, und auch im Westen ist man mit der Regierungsbeteiligung der radikalen Nationalisten unzufrieden. Vor allem entfremdet „Swoboda“ die Ost- und Südukrainer von der Regierung.

L.R.: Und was meinen Sie zu der Verschwörungstheorie, dass die radikalen Nationalisten Agenten Putins sind?

A.U.: Sie sind natürlich keine Agenten, aber schon Werkzeuge in den Händen von Putins Propagandisten und Faktoren im sogenannten Informationskrieg. Vor ein paar Jahren gab es einen Aufruf ukrainischer Intellektueller an die Demokraten, nicht mit „Swoboda“ zusammenzuarbeiten. In dem Aufruf hieß es unter anderem, dass, wenn es „Swoboda“ nicht gäbe, Russland sie erfinden müsse. Es gibt keine Belege dafür, dass die Ultranationalisten vom Kreml finanziert werden, aber der Kreml nutzt die Präsenz von „Swoboda“ in vollem Umfang zur Diskreditierung der neuen Regierung. Und das stößt in der EU auf Resonanz, vor allem in Deutschland, wo man besonders heftig auf alles reagiert, was mit „Faschismus“ in Zusammenhang gebracht werden kann. Gleichzeitig wird etwa in den deutschen Medien weniger analysiert und publiziert, welche Rolle in Russland solche weit gefährlicheren Nationalisten wie der Vizepremierminister Dmitrij Rogosin, Präsidentenberater Sergej Glasjew oder Universitätsprofessor Alexander Dugin spielen.

L.R.: Und welche ideologische Distanz besteht einerseits zwischen Bandera oder dem einstigen Kommandeur der Ukrainischen Aufstandsarmee (UPA) Roman Schuchewytsch, wie sie Historiker es sehen, und andererseits den Leuten mit den rot-schwarzen Flaggen und Porträts dieser Personen auf dem Maidan?

A.U.: Die OUN-Bewunderer auf dem Maidan werden natürlich sagen, dass es keinen Unterschied gibt. Aber der tatsächliche Abstand ist zwischen den damaligen und vielen der heutigen nichtextremistischen ukrainischen Nationalisten groß. Zumindest zeitweise waren Stepan Bandera, Roman Schuchewytsch oder Jaroslaw Stezko klare Faschisten. Sie standen sogar dem deutschen Nazismus nahe. Schuchewytsch war Offizier der Wehrmacht und Schutzmannschaften, Stezko schrieb einen Brief an Hitler, in dem er sich zur Unterstützung für dessen Vernichtungspolitik bekannte.

Banderas Interaktion mit Nazideutschland war komplizierter. Wie auch Stezko, verbrachte er einen großen Teil des Krieges in deutscher Gefangenschaft. Etwa ein Jahr lang saß er im Zellenbau des Konzentrationslagers Sachsenhausen ein. Seine beiden Brüder kamen unter ungeklärten Umständen in Auschwitz um. Diese und andere tragische Teile von Banderas Biographie dienen heute vielen dazu, um Bandera vom Faschismusvorwurf reinzuwaschen. Viele weitere heroische Aspekte in den Biographien der OUN-Faschisten, so etwas Banderas Ermordung durch einen KGB-Agenten in München 1959, sind dazu geeignet, von deren problematischen Quellen und Aktivitäten abzulenken.

So wird die Ideologie Stepan Banderas von vielen nur selektiv wahrgenommen, womöglich absichtlich nicht voll verstanden und von apologetischen Nationalhistorikern gezielt beschönigt. Im Ergebnis gibt es heute gleich mehrere Banderabilder, und für verschiedene Leute hat diese Kult-, Kunst-, Hass- oder Geschichtsfigur ganz unterschiedliche Bedeutungen. Die Ukraine hatte in gewisser Hinsicht Glück gehabt, dass Bandera nie an die Macht kam. Wäre die OUN-B Staatspartei geworden, hätten sie sich womöglich ähnlich wie die kroatische Ustascha verhalten. Die kroatischen Faschisten hatten in ihrer Zeit als Marionettenregierung der Nazis z.B. ein Konzentrationslager geschaffen und dort Tausende unschuldiger Serben getötet. Trotz der ultranationalistischen, ethnozentrischen, autoritären und antisemitischen Ideologie der OUN-B, glauben heute nicht wenige Ukrainer, dass Bandera ein guter Europäer war und den Beitritt der Ukraine zur Europäischen Union befürworten würde.

L.R.: In Russland haben viele den Eindruck, dass die ukrainischsprachigen Ukrainer für Bandera und die russischsprachigen gegen ihn sind. Inwieweit entspricht das der Realität?

A.U.: Es gab vor einigen Jahren eine von Iwan Katschanowskij (Ottawa) in Auftrag gegebene Umfrage des Kiewer Internationalen Instituts für Soziologie, die zeigte, dass die OUN letztlich nur in Galizien, also den Oblasten Lemberg, Ternopil und Iwano-Frankiwsk mit insgesamt ca. 5 Millionen der ca. 45 Millionen Einwohner der Ukraine, überwiegend positiv bewertet wird. Sogar in der Nachbarregion Wolhynien, in der das Ukrainische genauso oder sogar noch stärker verwendet wird, ist die Anzahl der OUN-Bewunderer bereits bedeutend geringer. In der ebenfalls überwiegend ukrainischsprachigen Zentralukraine und Bukowina sowie in Transkarpatien hält sich die Begeisterung für Bandera noch stärker in Grenzen. Somit empfindet nur ein Teil selbst der ukrainischsprachigen Ukrainer Bandera als eine positive Figur.

Auch ist die Aufteilung der Bandera-Anhänger in Ost und West nicht immer zutreffend. Wenn man sich die Biographien einiger aktiver Nationalisten anschaut, etwa derjenigen vom Rechten Sektor, so stammen etliche aus der Ostukraine. Sie sind also in einer russischsprachigen Umgebung aufgewachsen. Es gibt sogar solche ukrainische Nationalisten, die die ukrainische Sprache weniger als die russische oder gar nicht verwenden, zum Beispiel die Mitglieder der Organisation Russischsprachige Patrioten der Ukraine.

L.R.: Gehen wir zu den Moskauer Gegnern des Maidans über. In Russland, wie auch in der Ostukraine, versteht man den Widerstand gegen den Euromaidan als einen Kampf gegen die Faschisten, aber kann man die Maidangegner deshalb Antifaschisten nennen?

A.U.: Das ist natürlich Unsinn. Die Ideologie des Maidans und der jetzigen ukrainischen Regierung ist nicht faschistisch, sondern in ihrer proeuropäischen Ausrichtung, im Gegenteil, antifaschistisch. Hauptziel der heutigen Regierung ist die europäische Integration der Ukraine, also ihre Beteiligung an einem internationalen Projekt, das wesentlich als eine gemeinsame Antwort Europas auf den radikalen Nationalismus und Faschismus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstand. Der Euromaidan war eine umfassende Volksbewegung, in der viele gesellschaftliche Gruppen in diesem oder jenem Maße vertreten waren – linke als auch rechte, konservative und liberale, radikale wie gemäßigte, Gläubige sowie Atheisten, jung wie alt, West und Ost, Ukrainisch- sowie Russischsprecher. Wenn man die richtigen Interviews und Bilder vom Aufstand zusammenschneidet, könnte man womöglich den Euromaidan auch als anarchistisch darstellen, da sich an den Protesten auch die anarchistische Bewegung „Narodnyj Nabat“ aktiv beteiligte.

L.R.: Wie kann man die neue Ukrainepolitik von Putin charakterisieren, zu deren Krönung die Krim-Annexion wurde? Teils wird Putins Vorgehen mit dem Hitlers verglichen.

A.U.: Eine häufige historische Analogie ist der Anschluss des tschechoslowakischen Sudentenlands an das faschistische Deutschland 1938. Es gibt tatsächlich gewichtige Ähnlichkeiten zur Krim-Annexion: In der Tschechoslowakei existierte auch eine deutsche Minderheit, die allerdings im Sudetenland die Mehrheit stellte. Deutschland förderte gezielt den Separatismus unter den Volksdeutschen, der dann zur Forderung des Anschlusses des Sudetenlands an Nazideutschland führte. Diesem Wunsch der Naziführung und Sudetendeutschen wurde im berüchtigten Münchener Abkommen von 1938 entsprochen. Allerdings enden damit auch die direkten Ähnlichkeiten zwischen Putins und Hitlers Politik. In der Ideologie Putins gibt es natürlich viel Autoritarismus, Homophobie, Fremdenfeindlichkeit, Konspirologie und Manichäismus. Aber ich würde Putins Ideologie trotzdem als Spielart eines restaurativen, irredentistischen und revisionistischen Nationalismus und nicht von Faschismus bezeichnen.

L.R.: Worin liegt der grundsätzliche Unterschied von Putins zur faschistischen Ideologie?

A.U.: Faschismus ist eine besonders radikale Form von Nationalismus, die nach einer Neugeburt der Nation strebt und eine tiefe ultranationalistische Transformation nicht nur des Staates, sondern auch der Gesellschaft und Kultur, ja des Menschen vollziehen will. Putin hingegen möchte lediglich – soweit als möglich – das russische Reich sowie den Status und die Größe des russischen Staates wiederherstellen. Das ist noch kein Faschismus. Diese nichtrevolutionäre Art von Nationalismus gab es in den 1920ern in Deutschland auch. Es gab nationalistische Verbände und Parteien, die Großdeutschland wiederherstellen wollten, aber dabei nicht faschistisch waren.

Von einem tatsächlich neuen russischen Staat, einem gänzlich neuen Russland, sprach der berüchtigte postsowjetische Nationalist Wladimir Schirinowskij in den 1990ern. Er sagte, dass das zaristische und sowjetische Modell offensichtlich nicht erfolgreich waren, wie deren Scheitern 1917 bzw. 1991 zeigte. Zu seiner eigenen Rettung sowie zum Schutze des gesamten „Nordens“ müsse Russland, gemäß Schirinowskijs Buch „Der letzte Sprung nach Süden“, ein gänzlich neuartiges Imperium schaffen, in das die Türkei, Afghanistan und der Iran – sowie implizit auch Pakistan – eingehen müssten. Das war ein eher ein faschistischer Plan, weil er die Schaffung eines noch nie dagewesenen russischen Staates zum Ziel hatte. Das wäre dann immer noch Russland, aber ein vollkommen neu geborenes. Einen solchen Plan hat Putin nicht. Er ist eher konservativer bzw. reaktionär.

L.R.: Doch ein Kernelement des Faschismus ist wohl das Thema des inneren Feindes. Putin & Co. sprechen immer öfter von einer „fünften Kolonne“ in Russland.

A.U.: Ja, aber solche Hexenjagden gab es auch etwa in der Sowjetunion sowie in anderen autoritären und totalitären Systemen. Das ist zwar schlimm. Aber nicht alles, was politisch schlecht ist, sollte als Faschismus bezeichnet werden. Es gibt in Russland öffentlich hochpräsente Figuren wie Alexander Dugin und Wladimir Schirinowskij, für die die Klassifizierung „Faschisten“ zutrifft. Diese Politiker wollen einen wiedergeborenen, durch und durch nationalisierten sowie oft auch enorm ausgedehnten Nationalstaat vollkommen neuer Qualität, wie das beim klassischen Faschismus der Zwischenkriegszeit der Fall war. Aber Putins Agenda ist ein vergleichsweise milderer Ausdruck des russischen postimperialen Syndroms: Die Russen müssen ihresgleichen in den ehemaligen Kolonien vor vermeintlichen Gefahren schützen sowie die alte Ordnung und das einstige Großreich in dieser oder jener modifizierten Form wiederherstellen. Das ist ein revanchistischer und gefährlicher Nationalismus, aber eben noch kein Faschismus. Putin ist ein Vertreter und Anhänger des ancien regimes (alten Systems).

Wenn man die Analogie zu Weimar bemühen möchte, so ist Präsident Putins politisch-historische Rolle in mancher Hinsicht eher derjenigen des Reichspräsidenten Hindenburg ähnlich, wie mein Kollege Steffen Kailitz vom Hannah-Arendt-Institut Dresden und ich vor einigen Jahren in einem englischsprachigen Arbeitspapier der Moskauer Hochschule für Wirtschaft ausführlich dargelegt haben. Ein wichtiger Unterschied ist freilich, dass Hindenburg bei seiner Amtsübernahme schon um einiges älter war, als Putin es auch jetzt noch im 14. Jahr seiner Herrschaft, ist. Eine weitere bedeutsame Ähnlichkeit der heutigen und der Zwischenkriegssitutation ist, dass die Gesellschaften Deutschlands in den 1930er und des gegenwärtigen Russlands von einer fortschreitenden Vergiftung des öffentlichen Diskurses durch krude Propaganda und ein zunehmend dualistisches Weltbild geprägt ist: „Wir“ versus „die Anderen”, Verschwörungen, Feindaktivitäten, Beleidigungen, Missachtung, Doppelzüngigkeit, Unterwanderung usw.

L.R.: Zurück zur Ukraine – wenn es nicht den Faktor der Ultranationalisten gegeben hätte, was hätte man vermeiden können?

A.U.: Diese Frage habe ich mir auch schon gestellt. Mir scheint aber, der Kreml hätte dann einfach eine andere Vogelscheuche aufgestellt – zum Beispiel das Schreckbild „Gayropa“ (Homo-EU). Dieses Thema war ohnehin in den vergangenen Jahren sowohl von der Janukowitsch- als auch der Putin-Administration weidlich ausgeschlachtet worden. Statt  zu sagen „Die Krim wird niemals Banderas Land“ hätte Putin womöglich gesagt: „Die Krim wird niemals homosexuell werden!“ Andererseits bleibt natürlich der nüchterne Fakt bestehen, dass der Bandera-Ethnonationalismus in der Ost- und der Südukraine oft auch unter xeno- und homophoben Russischsprechern zutiefst unpopulär ist. Daher hätten die Ereignisse womöglich eine andere Bahn genommen, wenn die OUN-B-Symbolik auf dem Euromaidan weniger präsent gewesen wäre. Aber das ist alternative oder kontrafaktische Geschichte „im Konjunktiv“. Putin brauchte etwas, um in der russischen Öffentlichkeit sein Scheitern beim Aufbau der Eurasischen Union – ohne die Ukraine weitgehend sinnlos – zu kompensieren. Er hätte den durch jahrelange Kremlagitation aufgestachelten Wunsch der Bevölkerung nach außenpolitischem Erfolg und Russlands neuer Größe in jedem Fall befriedigen müssen – mit oder ohne Bandera.

3. April 2014

Dies ist eine wesentlich erweiterte und verbesserte Version eines russischen Interviews für die Webseite „Slon“

Jörg Drescher half bei der Übertragung des Textes ins Deutsche.

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