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Die Maidan-Formel

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Maidan-Formel

Die oben können nicht auf alte Weise regieren. Die unten wollen nicht mehr auf alte Weise leben. Es erhöht sich beträchtlich die Aktivität der Massen, die sowohl durch die gesamte Krisensituation als auch durch die oben, zum selbstständigen historischen Auftritt gereizt werden.

Drei Anzeichen einer revolutionären Situation, die einst vom Genossen Lenin abgeleitet wurden. Das ist wohl der bekannteste Versuch einen spontanen Aufstand in den Lauf des gesetzmäßigen und prognostizierbaren zu überführen.

Tatsächlich erklärte eben jener Iljitsch im Januar 1917 im Züricher Volkshaus auftretend: „Wir Alten werden vielleicht die entscheidenden Kämpfe der heranreifenden Revolution nicht erleben.“ Doch bereits nach etwas mehr als einem Monat brach die Februarrevolution herein, die für den bolschewistischen Theoretiker komplett unerwartet kam …

Doch der längst vergangene Lenin’sche Epic Fail hält die Interessierten nicht davon ab, den revolutionären Prozess zu zerlegen. Einschließlich der vielzahligen Armee ukrainischer Experten, Analysten, Publizisten und Blogger. Nicht das erste Jahrzehnt versuchen wir, eine Maidan-Formel abzuleiten. Dessen Hauptbestandteile von zweitrangigen und nichtexistenten zu trennen. Und, mit dem erhaltenen Wissen gerüstet, die Größenordnung und den Erfolg von Massenprotesten zu prognostizieren.

Heute ist die Aufmerksamkeit der Theoretiker auf die Reaktion der Straße auf die Se!Diplomatie gerichtet. [Se = Präsident Wolodymyr Selenskyj, A.d.Ü.]

Jedem steht es frei zu beweisen, warum die Proteste gegen die „Steinmeier-Formel“ in einer Reihe mit den siegreichen Maidanen der Jahre 2004 und 2013-2014 stehen. [Die nach Ex-Außenminister Frank-Walter Steinmeier benannten „Formel“ regelt grob die zeitliche Abfolge für den Erhalt eines Sonderstatus für die ostukrainischen Separatistengebiete, sollten dort dereinst demokratische Wahlen nach ukrainischem Recht abgehalten werden. A.d.Ü.]

Oder im Gegenteil: warum die aktuellen Aktionen zum Schicksal des nicht erfolgreichen „Sprachmaidans“ der Zeit Janukowitschs(Kiwalow-Kolesnitschenko-Sprachgesetz – Das Aus für das Ukrainische?) oder des gescheiterten „Micho-Maidans“ der Epoche von Poroschenko(Drei Fallen für die Ukrainer) verurteilt sind.

Leider Gottes krankt die einheimische Maidan-Kunde an einem wesentlichen Schönheitsfehler.

Rückblickend präparieren wir mit Leichtigkeit einen erfolgreichen oder nicht erfolgreichen Protest. Doch die aus der vergangenen Erfahrung abgeleitete Formel, erleichtert aus irgendeinem Grunde nicht die Vorhersagbarkeit der Zukunft.

Es reicht sich daran zu erinnern, dass nach 2004 als Unterpfand für den Sieg ein Faktor gesehen wurde, der den ersten Maidan prinzipiell vom zweiten unterscheidet.

Knapp zehn Jahre rühmte sich die Ukraine einer friedlichen Revolution mit Liedern, Tänzen und Blumen für die Berkut. [Inzwischen aufgelöste Sondereinheit der ukrainischen Polizei. A.d.Ü.]

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Allwissende Experten und Meinungsführer unterstrichen, dass nur ein gewaltloser Volksprotest effektiv und resultativ sein kann. Sich auf die Erfahrung Mahatma Gandhis, Lech Wałęsas, Vaclav Havels und anderer samtener Revolutionäre stützend. Es wurde über die nationale Mentalität, die traditionelle ukrainische Friedfertigkeit, Toleranz und Weisheit räsoniert.

Die zivilisierten Ukrainer standen dem wilden und hemmungslosen nördlichen Nachbarn gegenüber – mit seinen Moskauer Kämpfen des Jahres 1993, den Zusammenstößen auf dem Manegenplatz [2010] und den Ausschreitungen in Birjulowo [2013].

Doch dann geschah der zweite Maidan. Ein Maidan der Barrikaden und der Molotow-Cocktails, die bereits zum Gegenstand unseres Stolzes wurden.

Die gleichen Experten und Meinungsführer begannen zu unterstreichen, dass die Erfolgsquote des Volksprotests von der Bereitschaft zu gewaltsamen Handlungen abhängt. Sich dabei auf die Erfahrung der Rumänen, die den verhassten Ceaușescu stürzten, der Libyer, die den Diktator Gaddafi besiegten und andere Kämpfer der Freiheit berufend. Und über die nationale Mentalität, die traditionelle ukrainische Hartnäckigkeit, Unversöhnlichkeit und den Kampfgeist räsonierend.

Und die kompromisslosen Ukrainer standen, versteht sich, dem feigen und unterwürfigen nördlichen Nachbarn gegenüber – mit seiner liberalen Opposition, die sich ohne Widerstand von den Omon [russische Polizeisondereinheit, A.d.Ü.] in die Gefängnisbusse stecken lässt.

Eine neue Maidan-Formel wurde abgeleitet und als etwas komplett offensichtliches begrüßt. Und niemanden störte die Tatsache, dass sie komplett der Formel widerspricht, die im Verlaufe des vorherigen Jahrzehnts propagiert wurde. Alle vorherige Theoretisierung wurde einfach vergessen.

Auf Wunsch kann man die heutigen Straßenaktionen mit dem ersten wie auch mit dem zweiten Maidan vergleichen.

Einerseits bleibt der Protest bisher gewaltfrei, andererseits fordern die Demonstranten mit ihrem Gewaltpotenzial heraus. Ähnlich beiden Maidanen, vermochte die Aktion gegen die „Steinmeier-Formel“ es sehr verschiedene Leute zu vereinen.

Hier versammeln sich radikale Hasser Selenskijs, die sogar seine Stimme hassen, und komplett gemäßigte Aktivisten, die von der neuen Regierung gehört werden möchten, und unbeugsame Anhänger Poroschenkos, die von einer Revanche träumen, und Gegner des Ex-Präsidenten, die unzufrieden mit dessen Versuchen den Prozess anzuführen sind … An der traditionellen Vielstimmigkeit mangelt es nicht.

Doch alle Übereinstimmung der Vorgänge mit denen der Jahre 2004 und 2013 wird von einem fundamentalen Unterschied durchkreuzt. Obgleich der erste und der zweite Maidan dank einer schmalen Schicht von Besessenen möglich wurde, wurde das niemals laut verkündet.

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Im Gegenteil, in beiden Fällen erhob die entrüstete Straße Anspruch auf die Vertretung des ganzen Volkes, setzte sich mit den breiten Massen gleich und appellierte an die Volkssouveränität.

In der Minderheit seiend, sprachen und handelten beide siegreiche Maidane im Namen der Mehrheit. Was, im Allgemeinen, nicht schwer war, wenn man die niedrige Popularität von Leonid Danilowitsch [Kutschma] und Wiktor Fjodorowitsch [Janukowitsch] berücksichtigt.

Die Besessenen, die gegen die Politik von Se[lenskij] auftreten, haben heute diese Möglichkeit nicht. Ja, viele Massenmedien schätzten die effektive Losung „Diener, komm raus! Das Volk ist da!“ [Der Wahlsieg von Präsident Wladimir Selenskij / Wolodymyr Selenskyj wurde über die Fernsehserie „Diener des Volkes“, in der er einen volksnahen Präsidenten spielte, vorbereitet. Seine Partei gleichen Namens verfügt inzwischen über die Parlamentsmehrheit. A.d.Ü.] Doch vor dem Hintergrund des ein halbes Jahr lang währenden Wehklagens darüber, dass das Volk ein Idiot ist [weil es Selenskij statt Poroschenko wählte, A.d.Ü.], glaubt man irgendwie nicht an die Anwesenheit des erwähnten Volkes auf dem neuen Maidan.

2019 hat sich der Kontrast zwischen der besessenen Schicht und den gewöhnlichen Massen zu deutlich entblößt. Der Antagonismus zwischen den ersten und den zweiten drängt sich zu penetrant auf. Die Dissonanz zwischen der Entrüstung auf der Straße und den Rekordumfragewerten von Selenskij ist zu groß.

Und daher ist der neue Maidan dazu verurteilt, eine Sache für sich zu bleiben. Nur sich selbst zu repräsentieren. Mit der Regierung nicht im Namen des Volkes, sondern nur im eigenen Namen sprechend.

Bedeutet das, dass der aktuelle Protest auf einen Misserfolg programmiert ist? Überhaupt nicht. Denn zwei ukrainische Maidane sind nicht nur einfach die Geschichte von erfolgreichen Präzedenzfällen und gesammelter Erfahrung.

Das ist die Geschichte davon, wie trügerisch erfolgreiche Präzedenzfälle und gesammelte Erfahrung sein können. Und wenn plötzlich die Unzufriedenheit der Straße sich als bedeutender erweist, als die Popularität von Präsident Se[lenskij], erhalten wir einen komplett neuen Präzedenzfall. Und die siegreiche Formel wird mit ebensolcher Leichtigkeit umgeschrieben, wie auch vor fünf Jahren.

Eines ist jedoch unbezweifelbar. Wie die derzeitigen Aktionen auch enden mögen, rückblickend erscheint uns jeder Ausgang als absolut gesetzmäßig, vorhersagbar und fügt sich ideal in die grazile Maidan-Formel ein. Eben so funktioniert die feine Kunst der Prognostizierung des Unprognostizierbaren.

12. Oktober 2019 // Michail Dubinjanskij

Quelle: Ukrainskaja Prawda

Übersetzer:   Andreas Stein — Wörter: 1136

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